Integrationsmanagement
Integrationsmanagement | © Gerd Altmann auf Pixabay
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Fachtag „Vielfalt als Stärke“ 2025

Vielfalt als Zukunftskraft

Nachlese zum Fachtag „Vielfalt als Stärke“ im Landkreis Altenburger Land

Wer an diesem Morgen des 13. November 2025 den Sitzungssaal des Landratsamts Altenburger Land betritt, bewegt sich in einem Raum, der historische Kontinuität und gegenwärtige Herausforderungen gleichermaßen abbildet. Der 1895 errichtete Verwaltungstrakt im Stil der italienischen Hochrenaissance steht für eine Region, die sich immer wieder neuen Bedingungen anpassen musste. Vor diesem Hintergrund entfaltet der Fachtag „Vielfalt als Stärke“ eine Debatte zu Migration zwischen Teilhabe, Ressourcen und gesellschaftlicher Verantwortung. Verwaltung, freie Träger, Wirtschaft und Zivilgesellschaft richten den Blick auf dieselbe zentrale Frage. Wie lässt sich die Zukunftsfähigkeit eines ländlichen Landkreises sichern, dessen demografische Basis schwindet, dessen Arbeitsmarkt von Engpässen geprägt ist und dessen Entwicklung zunehmend durch internationale Migration beeinflusst wird?

Schon in der Eröffnung wird sichtbar, wie sehr die strukturellen Spannungen die Diskussion prägen werden. Die Aufgaben wachsen, doch die Bevölkerung schrumpft. Gleichzeitig zeigen die vorgetragenen Analysen, dass genau diese Dynamiken Gestaltungsspielräume eröffnen. Das Altenburger Land, so wird im Laufe des Tages deutlich, ist nicht nur ein Landkreis im Wandel. Er ist ein Raum, der gezwungen ist, den Wandel wieder einmal strategisch zu nutzen, um handlungsfähig zu bleiben.

Ein Landkreis, dessen Geschichte den Umgang mit Transformation lehrt

Michael Apel setzte gleich zu Anfang den historischen Rahmen. Die Region habe immer wieder ökonomische Brüche und soziale Umbrüche erlebt, aber zugleich eine besondere Fähigkeit entwickelt, aus diesen Veränderungen heraus neue Entwicklungspfade zu erschließen. Diese Perspektive verschiebt die Sichtweise auf Migration. Sie erscheint nicht als Ausnahmezustand, sondern als Teil einer langfristigen demografischen Bewegung, die im Zusammenspiel mit wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen steht.

Diese historische Einordnung bildet die Folie für die Analysen, die im weiteren Verlauf des Tages präsentiert werden.

Arbeitsmarkt: Die ökonomische Realität hinter dem Schlagwort Fachkräftemangel

Der Vortrag von Sven Nobereit macht deutlich, wie stark der Thüringer Arbeitsmarkt bereits heute von internationaler Zuwanderung abhängt. Die Kurven, die er zeigt, lassen kaum Interpretationsspielraum. Seit 2014 steigt der Anteil ausländischer Beschäftigter in allen Revierkommunen kontinuierlich an. Im Altenburger Land hat sich dieser Anteil seit 2014 sogar verdreifacht. Die Daten zeigen, dass die steigende Beschäftigungsquote ausländischer Fachkräfte nicht nur Lücken füllt, sondern vielerorts den Rückgang deutscher Arbeitskräfte kompensiert.

Sven Nobereit verweist zudem auf Details, die politisch wie administrativ relevant sind. Nahezu die Hälfte der ausländischen Beschäftigten im Revier arbeitet 2023 als Fachkraft, etwa 35 Prozent in Helfertätigkeiten. 2014 lag der Anteil der Spezialistinnen und Spezialisten noch deutlich höher, doch die Dynamik habe sich verschoben. Die Zahl derjenigen, die in qualifizierten Tätigkeiten arbeiten, steigt stetig, ebenso der Anteil junger Beschäftigter.

Diese Entwicklung verdeutlicht zweierlei. Erstens. Die Unternehmen des Reviers sind längst strukturell auf internationale Mitarbeitende angewiesen. Zweitens. Der Integrationsprozess am Arbeitsplatz ist kein Selbstläufer. Sven Nobereit spricht von Anerkennungsverfahren, von langen Transferzeiten, von fehlenden Patenmodellen und ungenutztem Diversitätspotenzial. Die betriebswirtschaftliche Abhängigkeit vom Gelingen migrationsbezogener Integration wird an diesem Punkt klar erkennbar.

Regionale Stabilität: Die ländliche Perspektive verschärft die Diagnose

Während Sven Nobereit das arbeitsmarktpolitische Fundament legt, verschiebt Jurek Tiedemann die Perspektive in die Fläche. Seine Analyse der ländlichen Regionen macht deutlich, worum es im Kern geht. In manchen Landkreisen sei mittlerweile ein erheblicher Anteil der offenen Stellen „strukturell unbesetzbar“. Nicht aufgrund mangelnder Qualifikation, sondern weil die Jahrgänge schlicht fehlen.

Dazu kommen weitere Faktoren. Die Bevölkerung der Revierkommunen wird laut den Prognosen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung bis 2045 in vielen Regionen deutlich schrumpfen. Für das Altenburger Land wird ein Rückgang um 22,2 Prozent gegenüber 2022 prognostiziert.

Gleichzeitig zeigt Jurek Tiedemann. Die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte wächst überall, auch und gerade dort, wo die deutschen Erwerbsbevölkerungen besonders schnell zurückgehen. Migration wirkt hier nicht additiv, sondern stabilisierend. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Pflegeeinrichtungen, Handwerksbetriebe, Gastronomie, Transport und Produktion ihre Grundfunktionen aufrechterhalten können.

Damit wird ein Befund sichtbar, der sich wie ein roter Faden durch den Tag zieht. Die Stabilität vieler ländlicher Regionen ist längst nicht mehr allein nationalstaatlich produziert, sondern transnational vermittelt.

Demografie: Die zweite große Verschiebung und ihre Folgen

Stefan Fehser führt die Diskussion weiter, indem er die demografischen Daten des Mitteldeutschen Reviers systematisch analysiert. Er zeigt, dass sich die Altersstruktur der deutschen und der ausländischen Bevölkerung fundamental unterscheidet. Die deutschen Altersgruppen sind stark zwischen 55 und 70 Jahren konzentriert, während die ausländische Bevölkerung überwiegend zwischen 20 und 45 Jahren liegt.

Diese Differenz hat unmittelbare Konsequenzen für die Region. Allein im Jahr 2024 wurden im Altenburger Land 412 Kinder geboren, während 1.453 Menschen starben. Der demografische Verlust ist erheblich. Doch die Zu- und Fortzüge ausländischer Staatsangehöriger verändern das Bild. 1.808 Zuzügen stehen 993 Fortzüge gegenüber. Ein deutlicher Nettozuwachs, der wesentlich zur Stabilisierung beiträgt.

Stefan Fehser zeigt weitere Indikatoren:

  • Die Kinderarmutsquote ausländischer Kinder liegt im Mitteldeutschen Revier im Durchschnitt bei rund 50 Prozent.
  • Die Zahl ausländischer Auszubildender steigt kontinuierlich.
  • Jährlich beginnen 600 bis 700 junge Menschen eine duale Ausbildung.
  • Auch an Hochschulen zeigt sich eine hohe Dynamik. Im Wintersemester 2022/23 studierten 3.961 ausländische Studierende im Revier, überproportional häufig in MINT-Fächern.


Die demografischen Daten machen sichtbar, wie ambivalent die Lage ist. Einerseits entlastet Zuwanderung die regionalen Systeme, andererseits entstehen neue Anforderungen an Bildung, soziale Infrastruktur und kommunale Koordination. Für Stefan Fehser sind es jedoch genau diese Wechselwirkungen, die den Strukturwandel der Region prägen werden.

Nachmittag: Die Praxis legt die Bruchlinien offen

Am Nachmittag veränderte sich der Charakter des Fachtags spürbar. Nach den analytischen Impulsen des Vormittags rückt nun der unmittelbare Erfahrungsraum der Beteiligten in den Mittelpunkt. Fünf parallele Diskussionsgruppen, bewusst klein gehalten mit jeweils rund zehn Personen, öffnen den Raum für eine Verdichtung von Praxiswissen und strategischen Perspektiven. Die kurzen Pitch-Beiträge, mit denen Michael Rühlmann, Tino Fischer, Sylvia Pfefferkorn, Christoph Zippel und Mandy Kasel die thematische Bandbreite skizzieren, setzen Akzente, die anschließend in den Gruppen intensiv weiterbearbeitet werden.

Trotz unterschiedlicher Schwerpunkte zeigt sich rasch ein gemeinsamer Kern. Integration wird im Altenburger Land längst nicht mehr als additiver Politikbereich verstanden, sondern als Querschnittsaufgabe, die Wirtschaft, Ehrenamt, Bildung, Gesundheitsversorgung und kommunale Entwicklung miteinander verbindet. In allen Gruppen wird deutlich, wie sehr der Landkreis, ob im Arbeitsmarkt, in der Zivilgesellschaft oder in der Gesundheitsinfrastruktur, bereits heute von migrationsbezogener Dynamik geprägt ist.

In der Gruppe zum Ehrenamt wird besonders sichtbar, was Integration im Alltag bedeutet. Die Teilnehmenden beschreiben ein Engagement, das stark von intrinsischer Motivation getragen wird, zugleich aber auf verlässliche Rahmenbedingungen angewiesen ist. Anerkennung, Feedback und klare Kommunikationsstrukturen werden als zentrale Faktoren benannt, die Motivation sichern und Resilienz erzeugen. Gleichzeitig verweisen viele auf die notwendige Weiterentwicklung der Schnittstelle zwischen Haupt- und Ehrenamt. Klassische Funktionslogiken, so die Einschätzung, reichen nicht mehr aus, um komplexe gesellschaftliche Prozesse zu begleiten. Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe sei unverzichtbar, nicht zuletzt, weil Beziehungen, so ein prägender Satz „das Fundament jeder nachhaltigen Integrationsarbeit“ darstellen.

In der Gruppe zum Arbeitsmarkt wiederum dominiert die Frage, wie vorhandene Potenziale erschlossen werden können. Die Diskussion, ausgehend von den regionalen Daten beleuchtet sowohl strukturelle Hemmnisse als auch konkrete Handlungsspielräume. Besonders betont wird der Bedarf, regionale Attraktivität, etwa über Stadtbelebung und Tourismusimpulse, als Standortfaktor mitzudenken. Auch Unterstützungsinstrumente für Betriebe und Beschäftigte werden angesprochen, etwa finanzielle Fördermöglichkeiten oder vereinfachte Verfahren für Qualifizierung und Anerkennung. Die Runde versteht sich zugleich als Ort der Vernetzung. Ein wiederkehrendes Motiv ist der Wunsch, administrative, unternehmerische und soziale Akteure stärker miteinander zu verbinden, um Migration als wirtschaftliche Ressource strategisch zu nutzen.

Ähnliche Linien zeigen sich in den anderen Gruppen. Die Diskussionen zu Innovation, Gesundheitsversorgung und internationalem Recruiting machen deutlich, wie eng Fragen der Integration mit Transformationsprozessen in Wirtschaft, öffentlicher Daseinsvorsorge und regionaler Entwicklung verzahnt sind. Unternehmen berichten von Erfolgen, aber auch von den Grenzen ihrer eigenen Handlungsmöglichkeiten. Vertreterinnen und Vertreter des Gesundheitswesens verweisen auf strukturelle Herausforderungen, aber ebenso auf Chancen neuer Versorgungsmodelle. Und im Bereich Recruiting wird deutlich, wie global Arbeitsmarktbeziehungen inzwischen geworden sind und wie anspruchsvoll es ist, internationale Fachkräfte nicht nur zu gewinnen, sondern langfristig zu halten.

Über allen Gruppen liegt ein gemeinsames Verständnis. Integration geschieht nicht an einem einzigen Ort, sondern in der Verbindung vieler Systeme. Der Fachtag zeigt, dass der Landkreis Altenburger Land über vielfältige Ressourcennetzwerke verfügt, von stärker werdenden ehrenamtlichen Strukturen über engagierte Unternehmen bis hin zu kommunalen Akteuren, die bereit sind, neue Wege zu gehen.

Die Herausforderungen sind komplex, aber sie sind gestaltbar, wenn Verwaltung, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik gemeinsam an Lösungen arbeiten. Nicht nebeneinander, sondern miteinander.

Das vollständige Programm können Sie hier herunterladen.