Drei Jahrzehnte nach Ende des Uranbergbaus hat sich die Natur ihr Reich zurückerobert
Naturschutzbehörde lässt ehemalige Halde Drosen floristisch kartieren/Biologe bestätigt großen Artenreichtum.
Noch schlummert das 30 Hektar große Areal des ehemaligen Bergbaugeländes Drosen nahe der Gemeinde Löbichau im Winterschlaf. Jetzt im Februar wächst kaum etwas, viele Pflanzen ziehen ihre Energie in Zwiebeln und Knollen zurück oder sterben oberirdisch ab, um als Samen zu überwintern. Insekten verkriechen sich in Rinden und unter Laub. Igel, Erdkröten und Blindschleichen suchen Schutz in Totholz oder Erdhöhlen. Die ersten warmen Sonnenstrahlen werden alsbald dafür sorgen, dass die Tiere und Pflanzen aus ihrer Winterruhe erwachen. Dann grünt, blüht, kreucht und fleucht es wieder. Für den Naturschutz im Altenburger Land ist dieser scheinbar unberührt und romantisch anmutende Landstrich in Drosen ein wahrhaft botanischer Schatz, denn was bisher nur eine Vermutung war, wurde jetzt wissenschaftlich bestätigt: Gut drei Jahrzehnte nach Ende des Uranbergbaus hat sich die Natur ihr Reich zurückerobert, gibt es hier eine große Pflanzenvielfalt und einen Reichtum an bestandsgefährdeten und geschützte Arten, die vielerorts in Thüringen zur Seltenheit geworden sind.
Im Sommer 2024 hatte der Fachdienst Natur- und Umweltschutz des Landratsamtes das in Crimmitschau ansässige BIOS-Büro für Umweltgutachten mit einer floristisch-vegetationskundlichen Bestandserfassung und mit der Vorbereitung des Biomonitorings beauftragt. Im Herbst des zurückliegenden Jahres legte der Inhaber des Büros, Biologe Hartmut Sänger, eine umfassende wissenschaftliche Expertise vor. Seine floristische Kartierung richtete er auf die Erfassung der Farn- und Samenpflanzen. Um dies zu realisieren, absolvierte der Biologe im Untersuchungszeitraum von Juli 2024 bis August 2025 insgesamt 20 ganztägige Geländebegehungen. Was er dabei entdeckte hielt er in Artenlisten, Fundortkarten und Fotodokumentationen fest. „Das Unter-suchungsgebiet kann als artenreich eingestuft werden. Mit 372 nachgewiesenen Pflanzenarten und einem Anteil von 18 Prozent bestandsgefährdeter und geschützter Arten ist es eine naturschutz-fachlich bedeutsame Bergbaufolgefläche in Ostthüringen“, so Sängers Urteil. Bemerkenswert sind unter anderem die Vorkommen der Arten Gewöhnliche Grasnelke, Pracht-Nelke, Berg-Jasione, Sprossendes Nelkenköpfchen und Frühlings-Adonisröschen. Weitere naturschutzfachlich bedeutsame Arten wie Wiesen-Salbei, Heide-Nelke und Färber-Ginster bilden hier großflächige Bestände aus.
Kritisch sehen sowohl Hartmut Sänger als auch die Leiterin der unteren Naturschutzbehörde Birgit Seiler das offensichtliche Ansalben verschiedener Pflanzen. „In der Pflanzenliste sind uns einige Arten aufgefallen, zum Beispiel Orchideen, die mit sehr hoher Wahrschein-lichkeit bewusst hierher gebracht wurden. Auch wenn es sich wie bei den Orchideen, zum Beispiel dem Kleinen Knabenkraut, um einheimische Pflanzen handelt, verfälscht der „Kunstgriff“ des bewussten Ausbringens die von uns gewollte natürliche Sukzession auf der Fläche“, urteilt Birgit Seiler.
Zur Vorbereitung eines Biomonitorings, womit die regelmäßige Beobachtung der Entwicklung von Pflanzen und Tieren in einem bestimmten Areal gemeint ist, richtete Sänger schließlich zehn 25 Quadratmeter große Abschnitte an verschiedenen Stellen des Geländes ein. Hier soll in den kommenden Jahren verfolgt werden, wie sich die Flora weiterentwickelt. Hartmut Sänger ergänzte seine einjährige Studie schließlich durch die Zusammenfassung seiner zoologischen Beobachtungen: Feldhase, Wiesenpieper, Grauammer, Neuntöter, Zauneidechse, Gelbbauchunke und Kreuzkröte sowie unzählige andere Tiere und Insekten haben auf der einstigen Bergbaufläche ihren Lebensraum gefunden.
Damit die Halde Drosen weiter gedeihen kann, richtet der Biologe klare Handlungsempfehlungen an die untere Naturschutzbehörde. Dazu zählt unter anderem, die verstärkt aufkommenden Gehölze regelmäßig zu beseitigen und dafür zu sorgen, dass die vorhandenen Tümpel ganzjährig Wasser führen. Zudem hält es Sänger für sinnvoll, die Beweidung, die aktuell ausschließlich mit Schafen stattfindet, auf einen Mischbesatz umzustrukturieren, weil eine Herde, bestehend aus Heideschnucken, Ziegen, Pommerschen Landschafen, Koniks und Heckrindern, die Gräser und Hölzer deutlich besser abfrisst. Mit einem Biomonitoring solle die Effizienz aller Landschaftspflegemaßnahmen regelmäßig kontrolliert werden. Dann können hier bald noch mehr Pflanzen und Tiere ihre Heimat finden. „Um den Schutz dieses wertvollen Areals auch zukünftig sicherzustellen, wird die untere Naturschutz-behörde in diesem Jahr ein Verfahren zur Unterschutzstellung nach Bundesnaturschutzgesetz beginnen. Mit der förmlichen Unterschutz-stellung werden Schutzziel und Pflegemanagement verbindlich geregelt,“ lässt Birgit Seiler wissen.
Die Historie der Halde Drosen/Löbichau
Durch geologische Erkundungsbohrungen wurde in Löbichau 1965 eine große Uranlagerstätte bestätigt. Zehn Jahre später begannen die Erschließungsarbeiten für dieses Gebiet. 1977 wurde der Bergbau-betrieb Drosen eröffnet, 1991 eingestellt. Die damalige WISMUT sorgte für eine geordnete Stilllegung, Sanierung und Rekultivierung der Betriebsflächen; der Bund hatte die Kosten dafür getragen. Diese Arbeiten zogen sich über viele Jahre hin. 2007 fand in Gera und Ronneburg die Bundesgartenschau (BUGA) statt. Durch Kreistags-beschluss des Landkreises Altenburger Land wurde ein sogenanntes BUGA-Begleitprojekt initiiert, das sowohl landschaftsgestalterische Elemente als auch kulturell-künstlerische Inhalte hatte und auf den ehemaligen Löbichauer WISMUT-Flächen realisiert wurde. Die Idee dahinter: Aus der einstigen Bergbaufläche sollte ein „Respektiertes Areal“ werden, was so viel heißt wie: das Areal sollte sich wieder selbst gehören. So gelang es, das Gebiet für den Naturschutz freizulenken. Mittlerweile ist die Fläche in Eigentum des Landkreises, der Gemeinde Löbichau und des NABU-Kreisverbandes Altenburg. Ziel ist die Entwicklung von Magerflächen bzw. Halbtrockenrasen durch extensive Beweidung sowie die Entwicklung von Sukzessionsflächen. Die erfolgreiche Nutzung der von der WISMUT GmbH hinterlassenen Brachflächen für den Naturschutz war nur möglich durch eine kompromissfreudige, sinnvolle Zusammenarbeit von Behörden, Kommunen, Verbänden und vielen privaten Sponsoren.
